Falls es jemanden interessiert, endlich ist mein Promotionsverfahren durch, ich darf mich offiziell Dr.med. nennen.
Mein eigenes Interesse und das meiner Familie ist eher eingeschränkt im Moment, weil jeder, der DNA mit mir teilt, zur Zeit vor Twitter/Facebook/CNN/Telefon festgetackert ist und in einer Tour heult.
Dabei hatte ich mich so darauf gefreut, dass meine iranische Verwandtschaft endlich aufhört, mir wegen der Doktorarbeit auf die Nerven zu gehen- aber doch nicht so.
Ach ja- Dr.med. sein fühlt sich ziemlich schräg an. Ganz ernst und erwachsen. Wenn ich mein eigenes Namensschild sehe,
"Dr. med. R. Käppchen"
denke ich an einen großen grauhaarigen Mann mit Schnurrbart oder so, bis mir auffällt, dass es zu einem lipgloss-süchtigen Mädchen mit hüftlangen Locken gehört, was Spongebob guckt und manchmal eine Plüschmaus mit ins Bett nimmt, und es passt irgendwie überhaupt nicht zusammen.
Was können wir von hier aus tun? Uns über unabhängige Quellen informieren und dafür sorgen, dass durch Zensur, Lügen oder schlichte Faulheit der Medien nicht die Botschaft verloren geht, für die sich diese Menschen opfern.
In unserer Klinik gibt es einen Patienten mit einer sog. dissozialen Persönlichkeitsstörung, das sagt man heutzutage anstatt "Psychopath". In diesem Fall würde keiner der hier arbeitet zögern, dieses Wort zu benutzen.
Er war schon in unzählige Betrügereien und Gewaltverbrechen, mehrere Vergewaltigungen und mindestens eine Tötung verwickelt, schafft es aber entweder, sich mit seiner Intelligenz und seinem unfassbaren Charme aus der Schlinge zu ziehen, oder er bedroht alle Beteiligten so lange, bis keiner mehr übrig ist, der sich traut, ihn anzuzeigen oder zu belasten.
Das hinterfotzigste ist, dass er es schon weiter über 100 Mal (!) geschafft hat, sich bei uns einweisen zu lassen, und diese Aufenthalte bei uns nutzt, um sich über unsere Patienten herzumachen, wenn sie am verletzlichsten sind. Er hat eine ganze Reihe von psychisch instabilen Ex-Freundinnen bei uns kennengelernt, die er dann später terrorisiert und misshandelt hat, eine hat sich inzwischen umgebracht. Er sucht sich bei uns auch systematisch Opfer, die er mit irgendwelchen betrügerischen Geschäften ruiniert oder in die organisierte Kriminalität reinzieht.
Heute habe ich erfahren dass einer meiner Patienten in die Falle getappt ist. Ein ganz sensibler, schüchterner Junge mit einer schweren Kindheit, der ein bißchen vom Weg abgekommen ist und einige emotionale Probleme hat, für den ich aber (bis jetzt) ganz große Hoffnungen für die Zukunft habe.
Jetzt erzählt er mir heute ganz begeistert von irgendwelchen Verträgen, die er mit Herrn X. abschliessen wird, er habe sogar eine Stelle in dessen Firma (die es nicht gibt!), wo er bald anfangen wolle zu arbeiten.
Ich bin sowas von wütend!!! Ich muss doch meinen Patienten beschützen! Und ich fühle mich so hilflos.
Einerseits die Schweigepflicht, und dass ich mir selbst eingestehen muss dass sie mir in diesem Fall eigentlich scheißegal ist, weil ich insgeheim finde dass der eine Patient den Schutz mehr verdient hat als der andere sein Recht auf Schweigepflicht.
Andererseits würde ich dem Typen NIEMALS in die Quere kommen, indem ich seine "Geschäftspartner" vor ihm warne, weil ich mir dann meines Lebens nicht mehr sicher sein könnte. Das heisst eigentlich ist eh klar dass ich den armen Jungen in sein Verderben rennen lasse wie die Anderen vor ihm auch.
Die Patientin ist in einem dissoziativen Erregungszustand. Das heisst sie schreit wie am Spiess, weint, und schlägt sich ins Gesicht. Ist dabei überhaupt nicht ansprechbar oder erreichbar. KEINE Maßnahme die wir uns überlegen bringt auch nur eine kleine Verbesserung des Zustands. Nach zwei Stunden werden wir langsam fahrig. Von den anderen Patienten ganz zu schweigen.
Als allerletzte Möglichkeit entscheide ich mich, ihr ein beruhigendes Medikament zu spritzen damit sie sich erst mal ausschlafen kann. Ich gehe hin und versuche der Frau in diesem Zustand eine Nadel zu legen.
Es funktioniert natürlich überhaupt nicht. Sie schreit, sie heult, sie schlägt, sie hat miserable Venen, und mir steht langsam der Schweiss auf der Stirn und ich weiß echt nicht weiter.
Ich versuche ein letztes Mal die Nadel zu legen und steche die Patientin in die Armbeuge... merke aber schon, dass das wieder nichts wird. In meiner Verzweiflung habe ich eine allerletzte Idee: ich ziehe die Nadel raus, sage "so, Sie haben jetzt die Beruhingsspritze bekommen, Sie werden jetzt ganz schnell ganz ruhig und müde werden."
Ich habe den Satz noch nicht zu Ende gesagt, da wird die Patientin schlagartig ganz ruhig und müde und schläft ein.